Salix spp.

Weide

Die Weide ist die bekannteste pflanzliche Quelle für IBA und IAA, jene Auxine, die auch synthetische Bewurzelungspräparate wie Rhizopon wirksam machen. Das Weidenwasser nutzt einen biologisch realen Mechanismus; die messbaren Wirkstoffkonzentrationen liegen jedoch weit unterhalb kommerzieller Standards. Als Zusatz bei leicht bewurzelnden Weichholzstecklingen ist es sinnvoll; für schwierige Arten oder Hartholz ist die Wirkung unzuverlässig.

Wirkstoffprofil

Auxine: IBA und IAA

IBA und IAA stecken in der Weide. Nicht in Mengen, die mit synthetischen Präparaten konkurrieren, sondern auf dem Niveau natürlicher Phytohormone, die der Steckling trotzdem lesen kann.

Eine Studie von Zombori et al. (, Frontiers in Plant Science, HUN-REN BRC) quantifizierte per HPLC/MS Phytohormone in Heißwasserextrakten (90 °C, 30 min) von Salix viminalis (Genotypen Rába und Maros, Ernte Mai ):

  • IAA im Meristem: 2,22 – 3,50 ng/ml Extrakt
  • Salicin im Stängel: 880 – 10 393 ng/ml (stark genotpyenabhängig)

Für nicht-extrahierte Frischsubstanz ist die Auxin-Konzentration im Gewebe höher; peer-reviewte Direktmessungen an Frischrindengewebe von S. alba und S. viminalis sind in der öffentlich zugänglichen Literatur spärlich und methodisch uneinheitlich. Salih et al. (, arXiv 2405.08849) messen in ethanolischen Extrakten von S. alba-Trieben bis zu 365 µg/ml IAA in Extrakten, die aus Trieben vom März gewonnen wurden, ein Spitzenwert, der die ausgeprägte Saisonalität unterstreicht. Die endogene Konzentration in der Pflanze liegt im ng/g-Bereich und schwankt je nach Art, Gewebe und Jahreszeit erheblich.

Salicin und Salicinderivate

Salicin ist das pharmakologisch am besten dokumentierte Glykosid in der Weidenrinde. Quantitative HPLC-Analysen zeigen ausgeprägte Artunterschiede (Shad et al., HPLC of Salix, PubMed PMID 19773624; eigene Messreihen verschiedener Autoren):

  • Salix alba: ca. 0,5 % Salicin in der Rinde (Trockengewicht), niedrigstes Niveau unter den europäischen Weidenarten
  • Salix fragilis: 1 – 10 % Salicin
  • Salix viminalis 'Americana': nur ca. 0,04 %, pharmazeutisch kaum relevant
  • Salix acutifolia: bis zu 12,06 %

Die EMA verlangt für pharmazeutische Weidenrindenextrakte mindestens 1,5 % Gesamtsalicylate (berechnet als Salicin), bezogen auf die Trockenmasse.

Für die Bewurzelungsförderung spielt Salicin als solches eine untergeordnete Rolle; relevant ist seine Funktion als Vorstufe der Salicylsäure, die antifungale und biostimulative Wirkung zeigt.

Tannine und Flavonoide

Zuckerová et al. sowie Shaukat et al. (, PMC 7600001) quantifizieren in S. alba-Rinde und Blättern (Hydromethanolextrakt, UPLC-Q/TOF-MS):

  • Gesamt-Phenolgehalt Rinde: 2 330 mg/100 g TM
  • Procyanidine (B-Typ, Dimere–Pentamere): 1 796 mg/100 g TM, dominanter Bestandteil der Rinde
  • Epicatechin Rinde: 176 mg/100 g TM
  • Catechin Rinde: 64 mg/100 g TM
  • Kondensierte Tannine (gesamt): 8 – 20 % der Rinden-Trockenmasse (EMA-Monographie)

In Blättern dominieren Flavonoidglykoside (Rutin, Isorhamnetin-3-O-Rutinosid bis 460 mg/100 g TM). Flavonoide wirken als Auxin-Kofaktoren: Sie hemmen die IAA-Oxidase und erhöhen damit die Verweilzeit endogener Auxine im Gewebe, ein indirekter Bewurzelungseffekt, der im Weidenwasser erhalten bleibt.

Nährstoffe (NPK)

Stickstoff- und Phosphorgehalte der Rinde sind gering und agronomisch kaum relevant. Kalium und Calcium sind in der Blattmasse nennenswert vertreten, spielen für Bewurzelungsextrakte aber keine direkte Rolle.

Auxin-Wirkung bei Stecklingen

Das Weidenwasser wirkt über zwei Mechanismen:

  1. Direkte Auxin-Zufuhr: Aus dem Extrakt aufgenommene IBA/IAA-Spuren erreichen die Schnittbasis und stimulieren dort die Zellteilung im Kambium.
  2. Kofaktor-Effekt: Flavonoide und Phenolsäuren im Extrakt hemmen den oxidativen Abbau endogener Auxine im Steckling selbst, die Nettowirkung übersteigt damit den rechnerisch erwarteten Wert aus der reinen Auxin-Konzentration.

Die Wirksamkeit hängt stark von Ausgangsmaterial und Erntezeitpunkt ab. Salih et al. () zeigen, dass Extrakte aus im Januar geernteten S. alba-Trieben die höchste Bewurzelungsrate bei Brombeerstecklingen erzielten (66,67 %), während August- und Oktober-Ernte nur 33,33 % erreichten, eine Verdoppelung der Wurzelrate durch alleinige Wahl des Erntemonats.

weide, historische Tafel, Salix alba / Salix spp.
Salix alba / Salix spp.
Salicin ca. 0,5 % TM Rinde (S. alba)

Studien

Versuchspflanze Weiden-Extrakt Ergebnis Quelle
Brombeere (Stecklinge) S. alba, 2 % Ethanol, Jan./Feb. 66,67 % Bewurzelung (Jan.); 33,33 % (Aug./Okt.) Salih et al. 2024, arXiv 2405.08849
Olive (Nabali) S. babylonica Rindenextrakt, 48 h 46,9 % Bewurzelung, vergleichbar mit K-IBA 4 000 ppm (45,9 – 46,0 %) Al-Musa et al., Acta Hort. 1130
Chrysantheme, Lavendel Rindenextrakt 1,06 µl/l Wurzelverzweigung 12,83–43,4 % schneller als Kontrolle; kein direkter IBA-Vergleich Wise et al. 2020, Scientia Hort. 263
Mais (Biostimulation) S. viminalis Heißwasser-Extrakt +12 – 17 % Saatgutgewicht, signifikante Wachstumsförderung Zombori et al. 2025, Front. Plant Sci.
Süßkirsche GiSelA 5 kein Weidenextrakt, Vergleich Rhizopon AA: 84,3 %; IBA synthetisch: 79,6 %; Biostimulanzien: 76 – 78 %; Kontrolle: 63,9 % Świerczyński 2023, Plants (Basel)

Anbau und Schnitt

Salix viminalis als Kurzumtriebsplantage

Salix viminalis (Korbweide) ist die bevorzugte Wirtschaftsweide für Schnittgutgewinnung. In KUP-Systemen werden Jahrestrockenmassegehalte von 8 – 15 t atro/ha erreicht; bei optimaler Wasserversorgung und modernen Sorten bis 19 t atro/ha (Biomass & Bioenergy-Daten). Umgerechnet auf Frischgewicht entspricht dies beim typischen Erntezeitpunkt von November bis Februar etwa 35 – 70 t Frischmasse/ha/Jahr.

Für die Auxin-Extraktion sind Ernte und Verarbeitung im späten Winter bis Vorfrühling (Januar–März) entscheidend, zu diesem Zeitpunkt sind IAA-Gehalte und phenolische Kofaktoren in den Triebspitzen nachweislich am höchsten (Salih et al. 2024; Zombori et al. 2025).

Kopfweide

Traditionelle Kopfweiden (S. alba, S. viminalis) werden alle 3 – 5 Jahre im Spätwinter (Februar/März, vor Knospenaufbruch) auf den Kopf gesetzt. Der Rückschnitt liefert junge, markhaltige Ruten mit hohem Auxin-Potenzial. Pro Baum fallen je nach Alter und Standort 5 – 15 kg Frischruten an; die Rinde der einjährigen Ruten enthält die höchsten IBA/IAA-Konzentrationen.

Vergleich zu synthetischem IBA

Rhizopon AA 0,5 % enthält 5 000 mg IBA/kg Pulver, eine präzise, lichtgeschützt jahrelang stabile Formulierung. In wässrigen Tauchbädern werden typisch 500 – 5 000 ppm IBA eingesetzt, für Hartholz bis 10 000 ppm.

Im Kaltwasser-Mazerat liegt die IBA-Konzentration im Bereich von wenigen bis allenfalls einigen Dutzend ppm, mangels standardisierter Weidenwasser-Extrakte schwer direkt messbar, da IBA in Wasser nur begrenzt löslich ist (max. ca. 250 ppm bei 20 °C). Der Faktor-Abstand zu professionellen Tauchbädern beträgt grob 100 – 1 000 ×.

Dennoch zeigt die Olive-Studie (Al-Musa et al.) dass Rindenextrakt bei 48 h-Einweichzeit mit K-IBA 4 000 ppm gleichzieht (46,9 % vs. 45,9 – 46,0 %). Dies deutet darauf hin, dass synergistische Kofaktoren (Phenole, Flavonoide, Salicylate) im Gesamtextrakt die rechnerische Auxin-Schwäche teilweise kompensieren, jedoch nur bei leicht bewurzelnden Arten.

Für schwierig zu bewurzelnde Arten (Sorbus, Quercus, ältere Koniferensorten) reicht Weidenwasser allein nicht aus. Das zeigen Cannabis-Versuche: IBA-Gel erzielte gegenüber Weidenextrakt-Gel eine 2,1-fach höhere Bewurzelungsrate und eine 1,6-fach bessere Wurzelqualität.

Verarbeitungsverfahren

Alle Verfahren nutzen junge, einjährige Triebe oder die Rinde jähriger Äste, geerntet Januar bis März.

Kaltwasser-Mazerat (24 – 48 h)

Klassisches Einweichbad: 100 g Frischtriebe auf 1 l, 24–48 h, unverdünnt oder 1:2. Schonend für hitzelabile Auxine und Phenol-Kofaktoren; 24–48 h ist das in der Literatur am häufigsten empfohlene Fenster, längere Mazeration erhöht Schimmelrisiko im Stecklingssubstrat. IBA ist in wässriger Lösung photolabil: nach 19 Monaten Raumtemperatur nur noch 26 % Restkonzentration, Weidenwasser frisch bereiten und innerhalb von 48–72 h verwenden, siehe Kaltmazerat.

Alkohol-Auszug (40 – 60 % Ethanol)

Ethanol 40–60 % verbessert IBA-Löslichkeit deutlich (IBA max. 250 ppm in reinem Wasser, in 50 % Ethanol bis 50 mg/ml) und stabilisiert das Produkt mikrobiologisch für Monate. Salih et al. messen mit 2 %-Ethanol-Protokoll bis zu 365 µg/ml IAA. Für Bewurzelungsextrakte besser als Wasser, da IBA-Stabilität wesentlich länger gewährleistet ist. Vor Anwendung auf 1:5 verdünnen; über 10 % Ethanol hemmt Verwurzelung, siehe Tinktur.

Heißwasser-Aufguss (90 °C, 30 min)

Deutlich höhere Phenol- und Salicin-Ausbeute als Kaltmazerat (Zombori et al. 2025 nutzen dieses Protokoll für messbare Auxin-Mengen); hitzelabile IAA kann partiell denaturieren, phenolische Synergisten bleiben stabil, siehe Dekokt.

Trocknung und Pulver

Rindenstreifen bei max. 40 °C trocknen; handelsübliches Weidenrindenpulver mit 1,5 % Gesamtsalicylaten ist 1–2 Jahre haltbar, aber flüchtige und labile Auxine gehen beim Trocknungsprozess teilweise verloren, für Stecklingsanwendung weniger praktikabel als Frischwasser-Mazerat, siehe Trocknung.

Quellen

  1. Zombori, Z. et al. (): Bioactive compounds in extracts from short rotation willow shoots known as pharmaceuticals and experimental demonstration of biostimulation of maize plants by these chemical complexes. Frontiers in Plant Science 16. DOI 10.3389/fpls.2025.1650824, PMC 12358415
  2. Salih, K.O. et al. (): Rooting of thornless blackberry cuttings as induced by the extract of white willow (Salix alba L.) shoots collected in different times. arXiv 2405.08849. DOI 10.48550/arXiv.2405.08849, arXiv
  3. Wise, K. / Gill, H. / Selby-Pham, J. (): Willow bark extract and the biostimulant complex Root Nectar® increase propagation efficiency in chrysanthemum and lavender cuttings. Scientia Horticulturae 263, 109108. DOI 10.1016/j.scienta.2019.109108, ScienceDirect
  4. Al-Musa, A. et al.: Effect of Salix babylonica L. extracts on rooting of stem cuttings of olive (Olea europaea L.) 'Nabali'. Acta Horticulturae 1130, 58. DOI 10.17660/ActaHortic.2016.1130.58, ISHS
  5. Świerczyński, S. (): Assessment of the effect of treating 'GiSelA 5' softwood cuttings with biostimulants and synthetic auxin on their root formation. Plants (Basel) 12(3), 547. DOI 10.3390/plants12030547, PMC 9921388
  6. Shaukat, M. et al. (): Identification and Accumulation of Phenolic Compounds in the Leaves and Bark of Salix alba (L.) and Their Biological Potential. Molecules 25(21), 5019. DOI 10.3390/molecules25215019, PMC 7600001
  7. Shad, M.A. et al. (2009): Application of high-performance liquid chromatography for research of salicin in bark of different varieties of Salix. Acta Pol. Pharm. 66(5), 535–40., PubMed 19773624
  8. EMA (): Final assessment report on Salix [various species], cortex. EMA/HMPC/396168/2019., EMA
  9. Hortus USA / Rhizopon: IBA-Lösungsstabilität und Lagerung (technische Dokumentation)., rooting-hormones.com
  10. Domínguez-Manzano, J. et al. (): Toxicity and Preventive Activity of Chitosan, Equisetum arvense, Lecithin and Salix Cortex against Plasmopara viticola. Agronomy 12(12), 3139. DOI 10.3390/agronomy12123139, MDPI