Tithonia diversifolia
Tithonia / Mexikanische Sonnenblume
Tithonia diversifolia ist eine schnellwüchsige Korbblütlerin, deren frische Blätter und Stängel pro Tonne Frischmasse rund 3,5 kg N, 0,6 kg P und 6,6 kg K liefern. Damit übersteigt ihr N-Düngewert den von Hornspänen auf Gewichtsbasis, und ihr Phosphor-Effekt im Boden geht über eine reine Nährstoffzufuhr hinaus.
Nährstoffprofil
Drei Kontinente, ein Befund: 3,5 % N, 4,1 % K, 0,4 % P. Westkenia zuerst (), Nigeria und Brasilien danach. Die Zahlen halten.
- Stickstoff (N) Trockenmasse
- 3,5 % (Bereich 3,0–5,7 %, je nach Standort und Erntezeitpunkt)
- Phosphor (P) Trockenmasse
- 0,37 % (Bereich 0,25–0,52 %)
- Kalium (K) Trockenmasse
- 4,1 % (Bereich 3,6–4,5 %)
- C/N-Verhältnis
- ca. 7, sehr niedrig, erklärt die rasche Mineralisation
- Lignin
- 6,5–8,9 %, gering, fördert schnellen Abbau
- Wassergehalt frisch
- ca. 84 % (praktisch: 1 kg Frischmasse ≈ 160 g Trockenmasse)
- Kalzium (Ca)
- ca. 1,5 % der Trockenmasse
- Magnesium (Mg)
- ca. 6 700 mg/kg Trockenmasse
- Eisen (Fe)
- ca. 292 mg/kg Trockenmasse
- Mangan (Mn)
- ca. 191 mg/kg Trockenmasse
- Zink (Zn)
- ca. 55 mg/kg Trockenmasse
- Kupfer (Cu)
- ca. 15 mg/kg Trockenmasse
Die NPK-Werte in der Frischmasse (84 % Wassergehalt): N ≈ 3,5 g/kg, P ≈ 0,59 g/kg, K ≈ 6,6 g/kg. Zum Vergleich: Hornspäne enthalten ca. 130 g N/kg (Trockenmasse), sind aber praktisch P- und K-frei und setzen Stickstoff über Monate frei; NPK-Blaukorn 12-12-17 liefert 120 g N, 52 g P und 141 g K je kg.
Phosphor-Mobilisierung
Der P-Gehalt der Blattmasse ist für eine nicht-mykorrhizale Wildpflanze ungewöhnlich hoch. ICRAF-Forschende stellten fest, dass Tithonia P aus schwer löslichen Bodenfraktionen aufschließt, wahrscheinlich über Wurzelexsudate, die den pH in der Rhizosphäre lokal absenken und organische Säuren (v. a. Zitronensäure) ausscheiden. Das bedeutet: Beim Einarbeiten der Blätter in den Boden wird nicht nur der im Gewebe gebundene P freigesetzt, sondern der schnelle Abbau (C/N ≈ 7) erzeugt zugleich organische Säuren, die weiteren Boden-P mobilisieren.
Eine Feldstudie aus Westkenia (Jama et al., ) zeigte: 5 t Trockenmasse/ha Tithonia-Biomasse liefern ca. 18 kg P/ha und überbrücken moderate P-Mangelsituationen ohne Zukauf. Bei schwerem P-Mangel reichte die alleinige Tithonia-Gabe nicht aus; die Kombination mit einer halbierten TSP-Dosis erhöhte jedoch die agronomische P-Effizienz um bis zu 520 % gegenüber alleinigem TSP.
Kalium 4,1 % TM, C/N ≈ 7
Studien und Feldversuche
Westkenya/Uganda (ICRAF, 1990er–2000er Jahre) Mais-Feldversuche mit Biomass Transfer (frische Blätter auf Boden aufgebracht) erzielten Erntesteigerungen von 100–200 % gegenüber ungedüngter Kontrolle. Tithonia übertraf dabei die N-Düngeäquivalenz von Calliandra und Senna: N-Fertilizer-Equivalency-Wert 118 %, das heißt, pro eingebrachtem kg N war Tithonia effektiver als Mineraldünger allein.
Rwanda (Springer, ) In Rubona und Butare verbesserten Tithonia-Biomasse plus Maisstroh die Erträge von Kletterbohnen signifikant (p < 0,01). Der Effekt war in beiden Standorten reproduzierbar.
Äthiopien (Hindawi/Int. J. Agronomy, ) Auf P-armen Nitosolen: Tithonia-Biomasse + 50 % der empfohlenen Phosphatdünger-Menge produzierten höhere Maiserträge als die volle Mineraldünger-Dosis. Agronomische P-Effizienz stieg von 26,3 auf 163 kg Getreide/kg eingesetztem P.
Gemüse: Tomate, Brassica, Okra Tithonia-Applikation erhöhte Tomaten-Erträge in Kamerun um ca. 130 % gegenüber der Kontrolle ohne Nährstoffzufuhr. Blattextrakte (Wassermazerate) steigerten Wachstum und Ertrag von Brassica napus vergleichbar mit Lantana-Tees. Frisch zerkleinertes und getrocknetes Material verbesserte Okra-Erntemengen in Nigeria.
Sekundärmetaboliten: Tagitinine und Sesquiterpene Aus den Blättern wurden über 150 Sekundärmetaboliten isoliert, darunter Sesquiterpenlactone (Tagitinin A, Tagitinin C, Tirotundin, Diversifol), Flavonoide und Kaffeoyylchinasäure-Derivate. Tagitinin C ist ein Germacranolid mit nachgewiesener antiparasitärer (anti-Trypanosoma), antimykotischer und entzündungshemmender Wirkung. Für den Einsatz als Pflanzennährstoff sind diese Metaboliten nachrangig, relevant ist, dass sie im Kompostierungsprozess weitgehend abgebaut werden und keine Persistenz im Boden zeigen.
Vergleich zu Mineraldünger
Rechnung gegen Blaukorn, alle Angaben auf frische Grünmasse (84 % Wasser):
- 100 g N bereitstellen
- ca. 28,6 kg Frischmasse (≈ 4,6 kg Trockenmasse), vs. 770 g Blaukorn 12-12-17
- 100 g K₂O bereitstellen
- ca. 18,4 kg Frischmasse, vs. 588 g Blaukorn 12-12-17
- 100 g P₂O₅ bereitstellen
- ca. 107 kg Frischmasse, Tithonia ist hier mengenmäßig schwächer, aber der Mobilisierungseffekt im Boden erhöht die Gesamtwirkung
- Praxisempfehlung Biomass Transfer
- 13–26 t Frischmasse/ha (entspricht 2–4 t Trockenmasse/ha) für ausreichende N-P-K-Versorgung mittlerer Feldkulturen laut ICRAF-Empfehlung
- N-Verfügbarkeit nach Einarbeitung
- Hauptanteil innerhalb von 4 Wochen plant-available, schneller als Hornspäne (8–16 Wochen), langsamer als CAN (sofort)
Das Massenvolumen frischer Tithonia-Biomasse macht Biomass Transfer bei Kulturen mit niedrigem Erlös (z. B. Feldbau auf großer Fläche) unwirtschaftlich. Bei Gemüse, Kübelkulturen und kleinflächigem Intensivanbau ist das Verhältnis von Biomasse zu Ertragseffekt günstiger.
Anbau in Mitteleuropa
Tithonia diversifolia ist frostzart: Temperaturen unter 0 °C töten oberirdische Teile ab, unter −3 °C auch die Wurzeln. In Mitteleuropa wird sie als einjährige Sommerkultur geführt.
- Aussaat innen
- 6–8 Wochen vor dem letzten Frost, in Hessen (Lahn-Dill-Kreis) typisch ab Anfang März
- Keimtemperatur
- 21–29 °C; Keimung in 5–14 Tagen; Licht nicht abdecken
- Auspflanzen
- Nach den Eisheiligen (Mitte Mai), Bodentemperatur dauerhaft über 15 °C
- Blüte
- Ca. 60 Tage nach Auspflanzung; Kurztagspflanze, in DE meist September/Oktober
- Vegetationsperiode DE
- Ca. 120–150 Tage (Mai–Oktober); kein Frost-Überwinterung möglich
- Standortansprüche
- Volle Sonne, gut durchlässiger Boden, pH 5,5–7,5; toleriert Trockenheit besser als Staunässe
- Wuchshöhe
- 150–300 cm in einer deutschen Saison (Tropen: bis 5 m mehrjährig)
- Biomasse-Ertrag DE (Schätzung)
- Frischmasse 3–7 kg/m²/Saison (= 30–70 t/ha) bei ausreichend Wärme und Niederschlag; Trockenmasse ca. 0,5–1,1 kg/m²/Saison. Tropenvergleich: deutlich niedriger, da keine zweite Schnittnutzung möglich.
Fazit Kultivierbarkeit: In Hessen sinnvoll als Stickstoff- und Kalium-Lieferant für Folgekulturen oder als Mulchmaterial, wenn Fläche vorhanden ist. Der Biomasseertrag reicht in einer Saison für 1–2 Schnitte. Für den Erhalt des Bestands müssen jährlich neue Samen ausgebracht werden (keine Überwinterung).
Verarbeitungsverfahren
- Frische Ausbringung als Mulch / Biomass Transfer
- C/N ≈ 7 und geringer Ligningehalt (6,5–8,9 %) bedingen eine sehr rasche Mineralisation in 2–4 Wochen; P- und K-Freisetzungsrate ist unter allen getesteten Blattmaterialien die schnellste (Gachengo et al., ), der P-Mobilisierungseffekt aus schwer löslichen Bodenfraktionen bleibt bei Einarbeitung erhalten. ICRAF-Empfehlung: 13–26 t Frischmasse/ha. Allgemeine Methodik: [Gründüngung](/verarbeitung/gruenduengung/).
- Jauche-Fermentation
- K und P gut erhalten; das extrem niedrige C/N ≈ 7 macht Tithonia-Jauche besonders anfällig für NH₃-Ausgasung bei offenem Behälter und pH > 7, Abdeckung ist hier wichtiger als bei anderen Jauchen. Allgemeine Methodik: [Jauche](/verarbeitung/jauche/).
- LAB-Fermentation (FPJ)
- Tithonia erzielte in Gärversuchen den höchsten K-Gehalt (4,38 % TM) und P 5,12 % TM aller getesteten Substrate (Int. J. Research in Agronomy, ); LAB-Fermentation sichert N durch pH-Absenkung auf 3–4, was NH₃-Ausgasung verhindert. P wird im wässrigen Extrakt weniger gut erschlossen als K und N. Allgemeine Methodik: [LAB-Fermentation](/verarbeitung/lab-fermentation/).
- Trocknung zu Blattmehl
- Trocknung bei max. 40 °C konzentriert N, P und K auf ca. 6-fache Frischmasse-Konzentration; Tagitinine (Sesquiterpenlactone) bleiben im Blattmehl erhalten, bei Bodenverbesserer-Einsatz irrelevant, bei Tierfutter-Verwendung Dosierung beachten. Allgemeine Methodik: [Trocknung](/verarbeitung/trocknung/).
- Kompostierung
- Tithonia-Grünmasse mit C/N ≈ 7 wirkt als starker N-Aktivator und muss im Verhältnis ca. 1:3 mit kohlenstoffreichem Strukturmaterial gemischt werden, um die Zieltemperatur zu halten; Tagitinine werden durch die thermophile Phase weitgehend abgebaut und zeigen keine Bodenpersistenz. Allgemeine Methodik: [Kompostierung](/verarbeitung/kompostierung/).
Quellen
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